Situation der Roma- Minderheit in der Slowakei
Marco Del Pra besuchte die Slowakei und deren Roma- Siedlungen, wie sie unter anderem in Kosice, Svinia und Bystrany zu finden sind. Er verfasste folgenden Reisebericht:
Es herrscht eine zuspitzende Situation der in der Ostslowakei lebenden Romas.
Da in den staatlichen Schulen der Slowakei kein Romanes (die Sprache der Roma) unterrichtet wird, sind drei Viertel der Romakinder dazu gezwungen Sonderschulen zu besuchen, nur ein Drittel von ihnen schafft den Volksschulabschluss. Damit stehen die Jobchancen schlecht, hinzu kommt noch die Diskriminierung der Roma auf dem Arbeitsmarkt, Die Erwerbslosenquote bei über 80%, in manchen Siedlungen bei 100%, was auch Folge der niedrigen Schulbildung ist. Romas werden in der Regel wenig angestellt.
Aus diesem Grund sind Roma in der Regel auf Sozialhilfe angewiesen. Dieses Geld, was ohnehin schon nicht viel war, wurde nun noch einmal um die Hälfte gekürzt. Daraufhin ist es in vielen Siedlungen der Ostslowakei zu Protesten seitens der Romas gekommen, in Form von Demonstrationen und Plünderungen von Supermärkten.
Da die Slowakei nun ein EU- Mitgliedsland geworden ist und die Roma demnach Europäer sind, ist auch die Frage der Roma wieder zu dem gesamteuropäischen Problem geworden, was es eigentlich schon immer war. Denn vor dem zweiten Weltkrieg hat es auch in Deutschland mehr Roma und Sinti gegeben. Die Massenverfolgung der Roma und Sinti während der NS-Zeit gehört leider noch immer zu einem nur ungenügend unaufgearbeiteten Kapitel unserer Vergangenheit.
Aber die gegenwärtige Situation der Sinti und Roma, die sich jetzt noch weit weg in der Ostslowakei abspielt, wird in Folge der Eu- Osterweiterung mit großer Wahrscheinlichkeit auch bald zu uns kommen. Die Angst wird schon geschürt, beispielsweise in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 27.Mai 2004 in dem Prof. Dr. Hans- Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, vor einer Masseneinwanderung nach Deutschland zum Zwecke des „Sozialmissbrauchs“ warnt: „Die Randgruppen der slowakischen Gesellschaft kommen jetzt nach Deutschland.“ und des weiteren bedauert er: „Die Eu- Richtlinie verbietet es, für die Zuwanderung eines mittellosen Roma die gleichen Kriterien festzulegen wie für die Zuwanderung eines vermögenden Römers.“
Die Roma haben als Europäer das Recht auf Bewegungsfreiheit, die europäische Abschiebepraxis lässt sich auf sie nicht mehr anwenden. Auf der Suche nach Arbeit und auf der Flucht vor immer häufigeren rechtsradikalen Übergriffen wird ihr Weg sie, sobald die Slowakei dem Schengener Abkommen beigetreten ist (voraussichtlich 2007/2008 ) und die Grenzen tatsächlich offen sind, auch zu uns nach Westeuropa führen, sofern sie die finanziellen Mittel dazu besitzen.
Auch wir werden uns vielleicht mit Fragen konfrontieren müssen, wie man die unter stalinistischen Zeiten in extra für sie errichteten Plattenbauten zwangsangesiedelten Roma, integrieren kann ohne ihnen unsere Maßstäbe von Wohn- und Lebensraum aufzuzwängen.
Günther Grass, der im übrigen auch eine Stiftung zugunsten des Romavolkes gegründet hat, schrieb in seinem Buch Ohne Stimme, Reden zugunsten des Volkes der Roma und Sinti: „Sie, die Roma, in ihrem permanenten Zustand der Zerstreuung, sind – genau gesehen – Europäer in jenem Sinn, den wir, gefangen in nationaler Enge, vor Augen haben sollten, wenn sich das vereinte Europa nicht zu einem bürokratisierten Verwaltungs-und übermächtigen Wirtschaftskoloss entwickeln soll. Zumindest diese eine, ihre grenzüberschreitende Mobilität, haben uns die sogenannten Zigeuner voraus. Sie sollten sich zuallererst durch einen Europapass ausweisen dürfen, der ihnen von Rumänien bis Portugal das Bleiberecht garantiert.“
Es lassen sich sicherlich verschiedene Erklärungsmodelle finden, wenn es darum geht zu verstehen wie ein Volk, Opfer rassistischer Diskriminierung wird und auf einmal in eine gesellschaftliche Randzone gepresst wird. In der Geschichte der Roma und Sinti ist es wahrscheinlich gerade ihr nomadischer Lebensstil gewesen der Angst, Befremdlichkeit bis zu Hass bei den Europäern auslöste und schließlich im Rassenwahn des Dritten Reiches, der 600000 Sinti und Roma das Leben kostete seinen Höhepunkt fand.
Ein Grund dafür könnte sein, dass die Kulturen, die einen festen Wohnsitz bevorzugen, unbewusst ihre „Zivilisiertheit“ mit Sesshaftigkeit bzw. mit Besitz und materiellen Werten verbinden. Das Volk der Roma, der Sinti und all ihrer Untergruppen basiert jedoch auf ideellen Werten, nur so ist es möglich nomadisch zu leben.
Heute allerdings lässt sich seltsamerweise beobachten, dass sich der Trend unserer Zeit immer mehr an einem nomadischen Lebensstil orientiert. Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil des modernen Lebens. Viele Dinge, die man zu einem modernen Lebensstil benötigt richten sich nach dem Mobilitätsfaktor. Das Handy, der Labtop, der Karawan mit Satellitenschüssel für den Sommerurlaub,… Die junge, aufstrebende Generation Westeuropas (zu der ich auch mich zählen muss) bewegt sich auf der Suche nach Arbeit und neuen Projekten von Kontinent zu Kontinent. Gestern Paris, heute Berlin, morgen New York. Die Zeiten der Bindung an Haus und Familie schwinden zusehends.
(vgl. Juliane Wedell und Marco del Pra)
Zu diesem Thema gibt es weitere, informationenliefernde Seiten wie:
Die Romapolitik in der Slowakei
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