THEMA ROMA: Auszug aus meiner Diplomarbeit
Auf meinem ersten Weg in die Ostslowakei wusste ich nicht, was mich dort erwarten würde. Ob sich die Warnungen von Bekannten und Verwandten bewahrheiten werden und die Roma in den Siedlungen wie die Wilden hausen und jedes Auto, das sich ihnen nähert, mit Steinen bewerfen? Dass sie mich sowieso nicht verstehen werden und mich nur meines Eigentums berauben werden? Es war nicht so, dass ich diesen Schauermärchen Glauben schenken wollte, doch bis heute überkommt mich ein mulmiges, zugleich jedoch fast aufgeregt freudiges Gefühl, wenn ich eine Roma- Siedlung aufsuche. Es ist die Spannung, als würde ich in einigen Minuten in eine andere Welt eintauchen, die voller Menschen ist, die mir über ihre Welt berichten wollen. Eine Welt voller offener, freundlicher Menschen, die sich ausreichend Zeit für mich nehmen, für die keine Höflichkeitsgesten oder Floskeln zählen. In dieser Welt zählt der Mensch. Die Zeit steht still und ich tauche ein in eine andere Welt, mitten in Europa. Bei der Abreise, verspüre ich das große Bedürfnis wiederzukehren und all diese Gesichter und ihre Geschichten wiederzutreffen, um mit ihnen in Ruhe zu plaudern, um ihre Welt kennen zu lernen. Meine utopischen Gedanken schwinden jedoch, wenn diese Menschen mir ihre Probleme schildern. Durch zentimeterhohen Schlamm watend sehe ich ihre verwahrlosten Häuser und lausche ihren Erzählungen über Hungernot und Wassermangel, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung. Dies rüttelt mich schnell aus meinen Gedanken einer perfekten Welt und lässt mich grübeln, auf welchem Weg diesem Elend ein Ende gemacht werden kann. Das einzige, was ich im Moment tun kann, ist darüber zu schreiben. Darüber forschen, was anders gemacht werden kann und wo die Hindernisse versteckt sind. Als Studentin des Studienzweigs Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaften beschäftigte ich mich immer wieder mit der Frage, wie Medien in die Sozialisation eines jeden Menschen eingreifen. Während des Studiums investierte ich aber auch viel Zeit in eines meiner Hauptinteressensgebiete: die „Roma- Thematik“ in der Slowakei. Als Halbslowakin kenne ich die Lebensumstandssituation der in abgeschiedenen Roma- Vierteln lebenden „Cigáni“ (übersetzt: Zigeuner) auf der einen Seite aus eigener Erfahrung, auf der anderen Seite aus zahlreichen, meist negativ behafteten Medienberichten. Ich versuchte diese abgeschiedene Art des Lebens in Wohnvierteln zu verstehen und deshalb fokussierte sich mein Interesse auf die sogenannten Roma- Siedlungen der Ost- Slowakei. Bei den Besuchen dort fragte ich mich oft, wie es möglich wäre, diese Isoliertheit aufzulösen. „Medien als Mittler der menschlichen Kommunikation“ ging mir immer wieder durch den Kopf. Medien verbinden Kulturen weltweit miteinander. Sie sind wie ein unsichtbares Band, das im Stande ist, jede räumliche Distanz zu überwinden und jede Barriere zu durchbrechen. Auch in Roma- Siedlungen müssten doch Medien als solche „Mittler“ tätig sein können. Also war es meine Absicht, ein Projekt zu starten, in dem Roma durch Medien den Bezug zur Mehrheitsgesellschaft herstellen können und sich auch mit dieser identifizieren können. Dieses Vorhaben musste ich schließlich wegen gewisser „Umstände“ verschieben. Doch ich fand einen Weg mich derweil für dieses Projekt vorzubereiten. Bevor ich also mit Roma in abgeschiedenen Siedlungen Projekte zur Sozialisation durch Medien unternehmen kann, muss ich ihrer Lebensart und Denkensweise näherkommen. Hier stellten sich für mich zu Beginn meiner Forschungsarbeit folgende Fragen:
- Was kennzeichnet die Kultur der Roma?
- Wie können Menschen in einem Land leben, aber sich von Grund auf von der Mehrheitskultur unterscheiden?
- Wie können Medien hier als Sozialisationsfaktoren wirken?
- Ist in der Roma- Kultur in abgeschiedenen Siedlungen Platz für mediale Sozialisationsarbeit?
- Könnten sich Roma in abgeschiedenen Wohngebieten mittels Medien vermehrt mit der Mehrheitsgesellschaft identifizieren?
Unter „Sich- identifizieren- Können“ verstehe ich, die Grundwerte und Grundhaltungen der Mehrheitsgesellschaft zu akzeptieren und sie sich zu Eigen zu machen, unter Rücksichtnahme der eigenen Kultur. Schon bald fand ich heraus, dass sich schon zahlreiche Organisationen (z.B. eine Initiative des Orbis Instituts im Jahr 2006)[1] um eine solche Sozialisation durch Medien bemüht hatten, jedoch meist ohne Erfolg. Die Bemühungen, Roma durch Internetkompetenz die Arbeitssuche zu erleichtern, ihnen das Inserate- Lesen in Zeitungen näherzubringen, oder ihnen dazu zu verhelfen solche selbst zu verfassen. Das alles waren Ziele, die meist nicht realisierbar waren. Wenn doch, war die Nachhaltigkeit dieser angeeigneten Kompetenzen nicht vorhanden. Nun hat sich für mich persönlich eine neue Fragestellung entwickelt. Warum kann eine Sozialisation durch Medien bei Migranten aller Art funktionieren (Hofmann& Hugger 2006), nicht aber in Roma- Wohnvierteln? So machte ich mich noch einmal auf den Weg in die Ost- Slowakei in die Gegend um Zipser Neudorf (Spišska Nova Ves), um die Antworten auf meine Fragen auf der einen Seite von Experten und auf der anderen Seite von den Betroffenen selbst zu erfahren.
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